New Work

Neue Aufgaben werden an unsere Arbeitswelt und Gesellschaft gestellt, die mit „alten“ Arbeitsstrukturen nicht mehr bewältigbar sind. Der Ruf nach mehr Freiheit und kreativen und individuellen Arbeitsmethoden wird sowohl von Seiten der Arbeitnehmer als auch von Seiten der Arbeitgeber laut. Mit dem Konzept des „New Work“ legte Frithjof Bergmann ein Fundament, auf dem nun rege aufgebaut wird. Erfahren Sie hier, was es heißt, „neu“ zu arbeiten.

Definition: New Work nach Frithjof H. Bergmann

Die Grundidee des New Work entstand aus einer Automatisierungswelle in der Automobilindustrie in Flint, Michigan in den USA. [1] Der Philosoph und anschließende Begründer der „New-Work-Bewegung“ Frithjof Bergmann war damals dort in einer Fabrik tätig und installierte 1984 ein „Center of New Work“, um jenen Fabrikarbeitern die Möglichkeit zu geben, herauszufinden, was sie „wirklich, wirklich wollen.“ Durch die Automatisierung wurden ihre Tätigkeiten am Fließband nicht mehr benötigt, also musste eine Alternative geschaffen werden.

Daraus entstand ein Konzept, das sich heute ein wenig verselbstständigt hat. Bergmann selbst definiert das Ziel wie folgt:

„Das Ziel der Neuen Arbeit ist es, den Menschen ein freies und selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen.“ [2]

Das Neue wurde als Gegenteil zum kapitalistisch geprägten Arbeitsmodell gesehen. Statt entlassen zu werden, da die eigenen Tätigkeit von Maschinen übernommen wurde, verbrachte man die freigewordene Zeit damit, die eigene Berufung zu finden und zwar mit Unterstützung des Unternehmens.

Im Zentrum von New Work steht also der Mensch und dessen Entwicklung. Es ist der Kampf gegen die Arbeit, „die man über sich ergehen lässt, wie eine ‚milde Krankheit‘“[2] und damit etwas mehr, als das, was sich etwa hinter der Arbeit 4.0 verbirgt. New Work soll nicht nur bestehende Arbeit reizvoller machen, was Bergmann auch gerne als „kosmetischen Korrekturen am Lohnarbeitssystem“ bezeichnet. Es geht vielmehr um „Arbeit, die einen aufregt, die einen gefangennimmt [jeweils im besten Sinne, Anm.], die einen in einen seligen Taumel versetzt.“

Er stellt aber sofort auch die Frage danach, wie man mit so einer Arbeit Geld verdienen können soll. Mit dieser Frage sind nun die Arbeitgeber betraut. Wie schafft man es, dass man allen Beteiligten eine sinnvolle Arbeitsstelle ermöglicht. Wie schafft man „Neue Arbeit“?

Ursprung und Notwendigkeit neuer Arbeitsmodelle

Den Ursprüngen in der Automobilindustrie waren wir ja bereits zu Beginn auf der Spur. Damals war es die Automatisierung, die Arbeitern einiges an Arbeit, damit aber eben auch den Einkommensplatz abnahm. Heute sieht es dank der Digitalisierung nicht sehr viel anders aus. Wenn sich in der von digitaler Transformation geprägten Industrie 4.0 Arbeitsplätze verändern, werden neue Konzepte von Arbeit notwendig werden.

Unfreiheit der Menschen durch Arbeit (nach F. H. Bergmann)

Bergmann weist darauf hin, dass der Arbeitsplatz in unserer Kultur zum Lebensmittelpunkt geworden ist. Der Großteil der sozialen Kontakte spielt sich auf der Arbeitsstelle ab und durch die digitalen Möglichkeiten der Vernetzung und Erreichbarkeit verschwimmen die beiden Bereiche Arbeit und Freizeit auch immer mehr.

Die Arbeitsstelle kann nun entweder zu einem besseren „Ersatz“ für verlorengegangene Freizeitaktivitäten werden oder muss einen weniger wichtigen Teil des Lebens einnehmen, um Ausgleich zu schaffen. Der New-Work-Ansatz geht von ersterem aus. Menschen sollen ihre Freiheit (zurück)erlangen, während sie sich im Rahmen des Unternehmens als Persönlichkeiten so weiterentwickeln, wie sie das „wirklich, wirklich wollen.“ [3]

Das bedeutet unter anderem, dass Mitarbeiter von Zahnrädchen einer großen Maschine zu Bedienern dieser Maschine werden und der Fokus nicht auf ihrer Produktivität, sondern auf ihrer persönlichen Entfaltung liegt. Ihre Tätigkeit muss für sie Sinn ergeben und sie zu dem Menschen werden lassen, der sie sein möchten. Der Arbeitsplatz soll sich vom Einkommensplatz, vom einfachen Job, zur Berufung entwickeln.

Industrie 4.0 führt zu Arbeit 4.0 und damit zu New Work

Es wurde bereits angesprochen, dass Automatisierung ein Grund für die Notwendigkeit von neuen Arbeitsmodellen ist. Im Sinne von New Work steht dabei aber nicht das Erreichen von Agilität, Effizienz und Profit im Zeitalter von Industrie 4.0 im Vordergrund. Priorität haben die Beschäftigten im Unternehmen und deren Potentialentfaltung, was anschließend im weiteren Schritt zu mehr intrinsischer Motivation und einer gesunden Unternehmensstruktur führen kann.

„Der alte Begriff von Arbeit passt […] nicht mehr zur heutigen Arbeitswelt.“ [4]

Die heutige Arbeitswelt fordert nämlich kontinuierliche Innovation statt der Reproduktion eines konstant bleibenden Arbeitsablaufes. Dafür braucht es Arbeitskräfte, die selbstständig an Lösungen arbeiten, was ein hohes Maß an Motivation und Entwicklergeist erfordert. Ohne den Sinn im eigenen Tun zu sehen, ist dies allerdings nicht möglich, weshalb Mitarbeiter die Freiheit brauchen, sich selbst in ihrer Arbeit verwirklichen zu können.

Wirtschaftlicher und kultureller Wandel

Technologischer, wirtschaftlicher und kultureller Wandel stehen in einem engen Verhältnis der Wechselwirkungen. Verschiedenste Ursachen – von der Digitalisierung bis zu den Erwartungen der jungen Generationen an Arbeit – führen dazu, dass Arbeitsmodelle verändert werden müssen.

Das nunmehr 200 Jahre lang bestehende Modell der industriellen Arbeit muss einem „Arbeiten“ weichen, das nicht mit „Schuften für Bezahlung“ gleichgesetzt wird. Man denke dabei etwa an die Berge an Arbeit, die heute verrichtet werden, ohne in ein Unternehmen eingebunden zu sein oder bezahlt zu werden. Sie werden nicht als „Arbeit“ bezeichnet oder angesehen, ergeben für viele Menschen aber bestimmt mehr Sinn, als das, was sie als Brotberuf ausüben.

New-Work-Werte

Die grundlegenden Werte der New-Work-Bewegung gehen um einiges weiter, als sich das die ein oder andere Führungskraft vorstellen würde. Die Aufgabe, das Unternehmen so umzustrukturieren, dass ein zukunftsfähiges Arbeitsmodell dabei herauskommt, hat man sich vielleicht weniger umfangreich vorgestellt. Bergmann beobachtete des Öfteren halbfertig gedachte Ansätze seiner Theorien:

„Die Macht der Lohnarbeit über die Menschen, die Vergeudung menschlicher Fähigkeiten und Kreativität muss so schnell wie möglich beendet werden. Das geht nicht mit kosmetischen Korrekturen am Lohnarbeitssystem, etwa durch ergonomische Arbeitsplätze oder gewerkschaftlich erkämpfte Pausen. Dafür müssen die Grundstrukturen des Systems geändert werden.“ [2]

Das bedeutet in weiterer Folge, dass die Lohnarbeit nicht mehr in erster Linie dem Sichern der Existenz dienen darf. Die Tätigkeiten, die ein Mensch verrichtet, müssen für ihn sinnerfüllend sein und in erster Linie diesem Zweck dienen können dürfen. Dieses Bild geht natürlich, wenn man es weiterspinnt, von einem recht altruistischen Menschenbild aus, das mehrheitlich auch in den Dingen Sinn findet, die einer Gemeinschaft zugutekommen.

Konkrete Konzepte: So sehen neue Arten zu arbeiten aus.

Wie holt man sich diese Werte der Neuen Arbeit aber nun ins Unternehmen? Das kann unter Umständen eine schwierige Aufgabe sein, denn wie bereits angeklungen ist, ist New Work nicht nur eine Methode, die sich an die HRMs dieser Welt richtet, sondern eine Einladung dazu, das Konzept von Arbeit grundlegend zu überdenken. Nichts desto trotz sehen wir uns einmal an, was das in der Praxis bedeuten kann.

Entbindung der Mitarbeiter aus starren Hierarchien

Aufgaben ‚von oben‘ diktiert zu bekommen, diese auszuführen, ohne wirklich zu wissen warum, kann nie das sein, was man „wirklich, wirklich will.“ Vom Lohnarbeiter, der einer bestimmten Abteilung mit festen Strukturen angehört, geht die Entwicklung zum „Intrapreneur“, der vielleicht eine grobe Aufgabe vorgegeben bekommt, Lösungswege für diese aber selbst entwickelt und dabei selbst beobachtet, was funktioniert und was nicht.

Dafür muss es im Interesse der Mitarbeiter selbst sein, dass ein Projekt glückt. Statt nach dem Wasserfallprinzip zu arbeiten, werden Organigramme aufgelöst und durch Entwicklerteams ersetzt. Und dabei sind wir auch schon bei den nächsten beiden Punkten.

Förderung von Kreativität mit eigenen Projekten

Da bei New Work die Selbstverwirklichung im Mittelpunkt steht, zeichnen sich Mitarbeiter, deren Unternehmen die entsprechenden Werte umsetzen, durch hohes Engagement aus. Sie glänzen durch eine Art der intrinsischen Motivation, die es so niemals in Firmen geben kann, die keine freie Arbeitsweisen zulässt.

Durch eigene Projekte, die sie nach dem Trial-and-Error-Prinzip bearbeiten, viel Zeit und kontinuierliches Experimentieren wird die Kreativität gefördert sowie der Willen, dass es auch wirklich klappt am Ende. Wenn dieses oder jenes Projekt das ist, was die jeweiligen Mitarbeiter als das ansehen, was sie wirklich wollen, hat das Konzept der Neuen Arbeit sein Ziel erreicht.

Kreativität kann außerdem durch ein vollständiges Ausbrechen aus dem rationalen Arbeitsalltag erfolgen. Das Ausüben von Kunstformen, ausgefallenen Sportarten oder anderen „Extremsituationen“ lässt einen die Scheuklappen ablegen und das größere Ganze sehen. Dadurch eröffnet sich auch der Blick für das, was einen als Mitarbeiter wirklich antreibt und ebnet den Weg dorthin.

Dadurch, dass Digitalisierung Routinearbeiten künftig automatisch erledigen wird, wird auch Zeit für solche Dinge freigemacht. Sie wird dazu genutzt, herauszufinden, welche Arbeit einen erfüllt und entsprechende Projekte gestartet, die dem Unternehmen wiederum zugutekommen können. Das Schreckgespenst Digitalisierung, das die Arbeitsplätze auffrisst, wird durch Innovationsgeist aufgelöst.

Mixed Teams: Perspektiven vervielfältigen und damit verändern

In einem an New Work angelehntem Unternehmen werden Aufgaben nicht nach Titel oder Abteilung vergeben. Teams werden nach Fähigkeiten, Persönlichkeiten und abteilungsübergreifend eingeteilt bzw. finden sich so zusammen, um an einem gemeinsamen Projekt zu arbeiten, das sie alle antreibt. Die Teams sind also auch in erster Linie so zusammengestellt, dass sie ein gemeinsames Interesse und Ziel verfolgen.

Diese Art zu arbeiten schafft eine Gemeinschaft, ein starkes Netzwerk innerhalb des Unternehmens. Wissen und Fähigkeiten werden offen ausgetauscht und sind dazu da, um die Arbeit eines jeden Mitgliedes zu bereichern und voranzutreiben.

Konsequenzen und Ziele des Megatrends

Um diese Dinge umzusetzen, muss einiges innerhalb des Unternehmens passieren. Strukturen müssen sich auflösen und Mindsets verändert werden. Dafür kann man sich aber auch hoch gesteckte Ziele setzen, die man mit hoher Wahrscheinlichkeit auf lange Sicht erreichen kann.

Neue Büro- und Unternehmenskonzepte

Abteilungen und Hierarchien müssen nicht nur im Kopf und auf dem Papier aufgelöst werden. Um im Team zusammenarbeiten zu können und innovative Ideen entwickeln zu können, braucht es auch die entsprechenden Räumlichkeiten dafür. Mixed Teams können nicht an ihren starr zugewiesenen Schreibtischen arbeiten, ohne einen Platz zu haben, wo sie über ihr weiteres Vorgehen und ihre Ideen diskutieren können. Dass diese Räume auch mit entsprechenden Materialien und Werkzeugen ausgestattet sein sollten, versteht sich von selbst.

Bezüglich der Unternehmensstruktur verändert sich selbstverständlich auch die Rolle des Vorgesetzten. Im digitalen Zeitalter spricht man diesbezüglich vom Digital Leadership. Ein digital Leader ist mehr Coach als Vorgesetzter. Es geht um Empowerment und Förderung; New-Work-Führungskräfte helfen ihren Mitarbeitern dabei zu finden, was sie wirklich antreibt und dabei, dies im Unternehmen anzuwenden.

Gesellschaftspolitische Veränderungen

„Erst haben wir Arbeitsplätze in den Himmel gehoben, und dann haben wir alle Kraft und Intelligenz darauf verwendet, sie massenweise abzuschaffen.“ [3]

Automatisierung und Digitalisierung schreiten voran und übernehmen Arbeiten, die bisher der Mensch machen musste. Solche Entwicklungen gab es schon immer, aber die, die wir nun erleben, scheint besonders rasant zu sein. Die Ironie, auf die auch das Zitat von Bergmann am Rande anspielt, ist jene, dass die Arbeit, die uns Maschinen abnehmen können, ohnehin in der Regel uninteressante Routinearbeit ist.

Diese Routinearbeit aber nicht mehr machen zu können, ist in unserer Gesellschaft momentan noch ein großes Problem, denn arbeitslos zu sein, bedeutet ein gesellschaftlicher Outcast zu sein. Durch New Work wird sich die Definition von ‚Arbeit‘ per se ändern. Denn nur, weil man keiner Lohnarbeit nachgeht, heißt es noch lange nicht, dass man nicht arbeitet.

New Work Award und die New Work Experience

Jedes Jahr ein Meilenstein für die Verbreitung des New-Work-Prinzips ist die New Work Experience – ein Veranstaltungsreihe, die von Xing ausgetragen wird und hochkarätige Redner zu Keynotes, Diskussionen, Workshops und Masterclasses in die Elbphilharmonie nach Hamburg einlädt. 2017 war auch der Begründer Frithjof Bergmann höchstpersönlich dort zu Gast.

Jedes Jahr wird im Rahmen dieser Veranstaltung auch der New Work Award in den Kategorien „New Worker“, „Teams“ und „Unternehmen/Institutionen“ verliehen.

Fazit – New Work ist mehr als die Ursprungsidee

Abschließend lässt sich sagen, dass das ursprüngliche Prinzip von New Work vielleicht zum Teil verloren gegangen ist. Unternehmen, die davon überzeugt sind, Neue Arbeit zu etablieren, müssen die Kontrolle über ihre Mitarbeiter vollständig aufgeben, was nicht unbedingt einfach ist. Wenn große Gruppen an Mitarbeitern zu dem Schluss kommen, dass das Ziel des Unternehmens nicht ihrem eigenen Ziel entspricht, sind durch New Work empowerte Mitarbeiter schnell über alle Berge.

Deshalb ist New Work in erster Linie ein Anlass zum vollständigen Umdenken. Ein paar Schräubchen an der Unternehmensstruktur zu drehen und einzelne Teile einer Institution freizusetzen, kann nur der Anfang sein.

[1] Bergmann (1997). Die Neue Arbeit: Skizze mit Vorschlag. Zugriff unter: http://ttfreiburg.de/wp-content/uploads/2018/04/Bergmann_Die-neue-Arbeit-Skizze-mit-Vorschlag_1997.pdf
[2] Bergmann; Friedland (2007). Neue Arbeit kompakt: Vision einer selbstbestimmten Gesellschaft. Freiamt im Schwarzwald: Arbor.
[3] Bergmann (2004). Neue Arbeit, neue Kultur. Freiamt im Schwarzwald: Arbor. Leseprobe einzusehen unter: https://arbeitswelten-lebenswelten.com/media/neue-arbeit_neue-kultur_bergmann_leseprobe_arbor.pdf
[4] Hackl; Wagner et al. (2017). New Work : Auf dem Weg zur neuen Arbeitswelt: Management-Impulse, Praxisbeispiele, Studien. Wiesbaden: Springer Gabler

 

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