Wo liegt der Unterschied zwischen Coaching und Beratung?

Szenario 1: Sie sind gerade befördert worden und sollen nun ein Team von 20 Mitarbeitern führen. Allerdings haben Sie das Gefühl, dass Sie nicht so richtig als Führungskraft akzeptiert werden. Auch Sie selbst fühlen sich noch ein wenig unwohl in der Führungsrolle, da Sie eigentlich ungern Anweisungen erteilen.

Szenario 2: Sie leiten einen Buchverlag und merken, dass das Kerngeschäft immer mehr in Richtung E-Book und Hörbücher geht. Daraufhin beschließen Sie in einer strategischen Sitzung, dass der Verlag in Zukunft stärker auf digitale Medien setzen muss. Leider besitzen Sie im Haus aber keinen Experten für digitale Themen.

In beiden Fällen stehen Sie vor einem Problem, das Sie nicht allein lösen können – und werden vielleicht darüber nachdenken, sich Hilfe von außen zu holen. Doch während Sie in einem Szenario 1 von einem Coaching profitieren würden, empfiehlt es sich, für Szenario 2 eher einen Berater anzuheuern. Warum das so ist und wo der Unterschied zwischen Coaching und Beratung liegt – das erläutern wir in diesem Beitrag. Doch zunächst ganz kurz die Grundlagen: Was ist überhaupt Coaching und was ist Beratung?

Was ist Coaching?

Unter Coaching versteht man in der Regel vertrauliche Gespräche mit einem neutralen Dritten, die zur persönlichen Reflexion und beruflichen Weiterentwicklung anregen sollen. Durch bestimmte Fragetechniken und Methoden gelingt es einem professionellen Coach, seinem Klienten neue Perspektiven und Handlungsmöglichkeiten zu eröffnen.

Was ist Beratung?

Bei Beratung handelt es sich meist um fachliche Unterstützung bei der Lösung von bestimmten unternehmensbezogenen Problemstellungen. Der Berater oder das Berater-Team erarbeiten mithilfe ihres umfangreichen Fachwissens konkrete Lösungsvorschläge und -strategien, die auf das Unternehmen zugeschnitten sind.

Unterschiede zwischen Coaching und Beratung

Wie schon aus den Definitionen deutlich wird, gibt es große Unterschiede zwischen Coaching und Beratung. Denn bei Coaching geht es in erster Linie um „Hilfe zur Selbsthilfe“: Der Coach soll den Klienten dazu befähigen, seine eigenen Lösungen zu finden. Ein Berater hingegen glänzt durch seine Fachkenntnisse und schlägt konkrete Maßnahmen vor.

Coaching im Unternehmen

Sehen wir uns nun die Differenzen zwischen den beiden Leistungen in einer übersichtlichen Tabelle an:

CoachingBeratung
Fokus auf eine PersonFokus auf einen Sachverhalt oder Prozess
Ziel ist Hilfe zur SelbsthilfeZiel ist Problemlösung durch Fachwissen
Dient dem Aufbau von sozialer Kompetenz, Selbstkompetenz und Fachkompetenz.Dient höchstens dem Aufbau von Fachkompetenz.
Zielgruppe sind Personen mit Managementaufgaben.Es gibt keine bestimmte Zielgruppe.
Coach und Klient sind auf Augenhöhe: Klient ist Experte seiner Situation, Coach ist Prozess-Experte.In der Regel Wissensgefälle (Lehrer-Schüler-Verhältnis): Der Berater ist in fachlichen Fragen überlegen.
Verwendung von psychologisch fundierten Methoden und Techniken.In der Regel keine speziellen Methoden, sondern fachliche Belehrung.
Fragen des Coachs sollen Reflexionsprozess beim Klienten anstoßen.Fragen des Beraters dienen diesem nur zur besseren Einschätzung der Situation.
Freiwillige Teilnahme ist Voraussetzung für Gelingen.Manchmal durch äußere Umstände (z. B. finanzielle oder juristische) erzwungen – kann trotzdem erfolgreich sein.
Erlebnisse und die emotionale Ebene des Klienten spielen zentrale Rolle.Nur die sachliche Ebene spielt eine Rolle.
Klient behält die Verantwortung für Maßnahmen und Endergebnis.Berater übernimmt die Verantwortung für Maßnahmen und Endergebnis.
Qualitätsmerkmal eines guten Coachs: Schafft es, dem Klienten neue Perspektiven zu eröffnen und ihn zu Verhaltensänderung zu motivieren.Qualitätsmerkmal eines guten Beraters: Macht wirksame, fundierte und umsetzbare Lösungsvorschläge.
Beziehung zwischen Coach und Klient ist zentraler Erfolgsfaktor.Beziehung zwischen Berater und Klient ist eher „Nebenprodukt“ und beeinflusst das Ergebnis nicht sehr stark.

Darüber hinaus haben Beratung und Coaching aber auch einiges gemeinsam. Werfen wir nun also einen Blick auf die Gemeinsamkeiten:

Gemeinsamkeiten von Beratung und Coaching

Sowohl auf Beratung als auch auf Coaching trifft Folgendes zu:

  • Schwerpunkt auf beruflichen oder unternehmensbezogenen Themen;
  • Die besprochenen Probleme werden in der Regel nur mit einer geringen emotionalen Tiefe behandelt.
  • Betriebswirtschaftliche Leistungssteigerung ist Hauptziel oder zumindest Teilziel.
  • lösungsorientierte Vorgehensweise mit Fokus auf der Zukunft;
  • nicht geeignet für schwerwiegende psychische Leidenszustände; keine Psychotherapie
  • wird durch professionell ausgebildete Fachkräfte durchgeführt (unternehmensintern oder -extern);

Wann eignet sich Coaching, wann Beratung?

So mancher stellt sich nun vielleicht die Frage: Was ist besser – Coaching oder Beratung? Wie in den obigen Szenarien deutlich wurde, ist das aber die falsche Frage. Beide Maßnahmen haben ihre Stärken und Schwächen und je nach Situation eignet sich die eine bzw. andere besser.

Analysieren wir daher, wann Coaching und wann Beratung angebracht ist:

Coaching ist sinnvoll, wenn…

  • … Sie ein Problem haben, aber Weg und Ziel nicht klar sind.
  • … Sie grundsätzlich unzufrieden sind, aber gar nicht genau wissen, wo der Hund vergraben liegt.
  • … Sie Ihr berufliches Potenzial erschließen wollen und sich persönlich weiterentwickeln möchten.
  • … Sie sich mittel- und langfristige Ziele setzen wollen, die Ihren Werten entsprechen.
  • … Sie Ihre sozialen und emotionalen Kompetenzen stärken möchten.
  • … einen neutralen Dritten brauchen, der Ihnen hilft, die Dinge aus einer anderen Perspektiven zu sehen.
  • …. bereit sind, sich auch herausfordern zu lassen und Neues auszuprobieren.

Lassen Sie uns zur Verdeutlichung noch ein Beispiel ansehen:

Martin ist Ende 30, ehrgeizig und beruflich erfolgreich. Seit einigen Jahren leitet er eine Abteilung in einem internationalen Unternehmen, nebenbei trainiert er für Marathonläufe und kümmert sich verantwortungsbewusst um seine beiden Kinder. Im beruflichen Kontext gilt er als zuverlässig und belastbar. Martin stellt hohe Ansprüche an sich und andere, bemüht sich aber auch um Fairness und Menschlichkeit. Umso mehr besorgt es ihn, dass die Krankenstände in seiner Abteilung sich im letzten Jahr zu häufen scheinen. Bei genauerer Analyse fällt ihm auch auf, dass es unter seiner Leitung überdurchschnittlich viel personelle Fluktuation gab. Martin fragt sich, ob das Zufall ist oder ob sein Führungsstil etwas damit zu tun haben könnte. Da sein Unternehmen im Rahmen der Führungskräfteentwicklung auch regelmäßige Business-Coachings anbietet, beschließt er, das Thema dort anzusprechen.

Beratung ist sinnvoll, wenn…

  • … Sie vor einem klar definierten Problem stehen.
  • … Sie Neuland betreten wollen und sich schnell das notwendige Grundlagenwissen aneignen wollen.
  • … Sie keine Lust haben, mühsam durch Versuch und Irrtum zu lernen, sondern auf die Erfahrung von fachlich kompetenten Experten zurückgreifen wollen.
  • … Sie eine professionelle Außenperspektive brauchen, die Ihnen frische Lösungsideen liefert.
  • … Sie zu einem bestimmten Thema auf Wissen zugreifen möchten, das dem absoluten „State of the Art“ entspricht.
  • … in einem spezifischen Bereich konkrete Ratschläge wünschen, auf die Sie sich ganz und gar verlassen können.
  • … im Unternehmen zu einem bestimmten Thema die notwendige Expertise fehlt, aber es sich auch nicht lohnt, eine Fachkraft einzustellen.

Um das Ganze etwas plastischer zu machen, wollen wir es wieder mit einem Beispiel illustrieren:

Julia arbeitet im mittleren Management eines produzierenden Industrieunternehmens. Im Top-Management des Unternehmens wurde beschlossen, dass ein neuer Werksstandort im Nachbarort entstehen soll. Julia wird damit beauftragt, das Bauprojekt zu leiten. Da die Firma sich als ergonomischer Arbeitsplatz etablieren möchte und verstärkt auf Mitarbeitergesundheit achtet, ist dieser Punkt auch bei der Planung des neuen Gebäudes zu beachten. Julia beschließt, ein externes Team aus erfahrenen Arbeitsmedizinern zu Rate zu ziehen: Diese erarbeiten ein Konzept, damit aus der neuen Werkshalle ein möglichst gesundheitsförderlicher Arbeitsplatz wird.

Wenn die Grenzen verschwimmen

Nun haben wir Coaching und Beratung richtig gut abgegrenzt und schöne Fallbeispiele geliefert, wo sofort klar ist, welches Format sich gut eignet. Wie immer ist die Realität aber nicht ganz so schwarz-weiß. Mitunter können Coaching und Beratung sich annähern – und in der Praxis werden die Dinge sowieso nicht immer nach Definition 101 im Lehrbuch gehandhabt.

Coach und Gruppe im Unternehmen

Daher wollen wir uns zum Schluss noch zwei Graubereichen widmen:

Darf ein Coach niemals etwas raten?

Laut der klassischen Definition gibt ein Coach keine direkten Ratschläge, sondern muss diese aus dem Klienten „herausbefördern“ – wie die Hebamme das Baby. Jetzt stellt sich hier die Frage, wie realistisch diese Vorgabe ist. Denn erwiesenermaßen bevorzugen Klienten Coaches, die auch inhaltlich-fachliche Kompetenzen haben. Im Bereich des Management-Coachings arbeiten beispielsweise vor allem Personen, die selbst Erfahrung im Top-Management haben. Klienten erwarten sich dann von Zeit zu Zeit auch inhaltlichen Input vom Coach.

Ob der Coach diesem Wunsch nachgeben soll – dazu herrschen geteilte Meinungen in der Coaching-Szene. Beispielsweise ist Astrid Schreyögg, Autorin zahlreicher Coaching-Bücher, der Ansicht, dass es manchmal sinnvoll ist, dem Klienten verschiedene Handlungsmöglichkeiten vorzuschlagen. Sie plädiert für „selektive Direktivität“ im Coaching – also sorgfältig abzuwägen, wann ein Ratschlag angebracht ist.

Sonja Radatz – eine andere Koryphäe auf dem Gebiet des Coachings – widerspricht Schreyögg: Der Coach solle keine Antworten geben, sondern konsequent Fragen stellen. Denn das Ziel des Coachings, so Radatz, sei, dass der Klient seinen gewohnten Denkrahmen in Frage stellt.

Was sich hinter „Coachsulting“ verbirgt

Das Beste aus beiden Welten – diesen Ansatz vertreten die Anhänger von „Coachsulting“. Das Wort setzt sich zusammen aus Coaching und Consulting (Englisch für Beratung) und steht für eine Kombination der zwei Methoden. Somit kann der Berater/Coach (oder sollen wir Coachsultant sagen?) dem Klienten helfen, neue Perspektiven zu entwickeln, ihm aber bei Bedarf auch gezielt Fachwissen vermitteln.

Zusammenfassung: Hebamme oder Storch?

Als Fazit wollen wir noch einmal die Metapher mit der Geburt bemühen: Den Coach können wir also mit einer Hebamme vergleichen – er hilft mit, die Lösung (= das Baby) ans Licht zu bringen. Zeichnen wir das Bild noch weiter, dann entspricht Beratung in etwa dem Storch: Die Lösung wird hier von außen herangetragen. Das ist natürlich eine starke Vereinfachung (auch bei Beratung entsteht die Lösung gemeinsam mit dem Kunden), fasst aber gut den zentralen Unterschied zusammen.

Zum Schluss soll noch einmal betont werden: Keine der beiden Maßnahmen ist besser oder schlechter, sondern es hängt allein von der Situation ab, ob sich eher Coaching oder Beratung eignet.


Weiterführende Literatur:

Albrecht, Evelyn (2018). Business Coaching: Ein Praxis-Lehrbuch. Berlin, Boston: de Gruyter.

Dallüge, Thomas (2015) Coaching in der Beratung von Unternehmen. In: Schreyögg, Astrid/Schmidt-Lellek, Christoph (Hrsg.): Die Professionalisierung von Coaching. Ein Lesebuch für den Coach. Wiesbaden: Springer.

Fietze, Beate (2015): Coaching auf dem Weg zur Profession? Eine professionssoziologische Einordnung. In: Schreyögg, Astrid/Schmidt-Lellek, Christoph (Hrsg.): Die Professionalisierung von Coaching. Ein Lesebuch für den Coach. Wiesbaden: Springer.

Rauen, Christopher (2008): Coaching. Göttingen: Hogrefe Verlag.


Bildquellen:

© contrastwerkstatt – stock.adobe.com

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