Arbeitsplätze in der Industrie 4.0

Gravierende Veränderungen in so einem großen Bereich des alltäglichen Lebens, wie der Industrie und der Wirtschaft, können für Beunruhigung sorgen. Nicht selten bekommt man zu hören, dass die fortschreitende Automatisierung und Digitalisierung massenhaft Beschäftigungsverhältnisse tilgen würden. Was die Industrie 4.0 wirklich aus unserer Arbeitswelt macht, haben wir uns genauer angesehen.

Wie sieht die Industrie 4.0 aus?

Industrie 4.0 umfasst die Vernetzung aller menschlichen und maschinellen Akteure über die komplette Wertschöpfungskette sowie die Digitalisierung und Echtzeitauswertung aller hierfür relevanten Informationen, mit dem Ziel die Prozesse der Wertschöpfung transparenter und effizienter zu gestalten, um mit intelligenten Produkten und Dienstleistungen den Kundennutzen zu optimieren.i

Laut Prof. Armin Roth von der Hochschule Reutlingen zeichnet sich die Industrie 4.0 vor allem durch „vernetzte und kommunizierende Systeme“iiaus. Mensch und Maschine, sowie Maschinen untereinander werden miteinander verbunden, um Prozesse zu automatisieren und selbstständig ablaufen zu lassen. Ziel ist es, die Arbeit nicht mehr von Menschenhand erledigen zu lassen, sondern menschliche Fähigkeiten dazu einzusetzen, die Prozesse (mithilfe von Daten) zu durchschauen und so umzubauen, dass sie schneller und besser vonstattengehen.

Zwischen digital und real

Real bzw. analog ablaufende Prozesse werden also durch ein virtuelles bzw. digitales Netz ergänzt, das die Abläufe besser miteinander koordinieren kann. Konkret geht es dabei um die Kommunikation zwischen den verschiedenen Komponenten, Menschen genauso wie Maschinen. Der Mensch nimmt dabei lediglich die Rolle der „Entscheidungsinstanz an einer „geeignete[n] Mensch-Maschine-Schnittstelle“ eini.

Die Maschine ist dabei vor allem auch nicht mehr nur Kommunikationsmedium zwischen den Menschen, sondern Kommunikator für sich. Bei dem, was auch the Internet of Things and Services, kurz IoTSgenannt wird, stehen Mensch, Maschine und Ressource miteinander in Verbindung und werden so besser koordiniert. Das kann sich durch alle Ebenen eines Unternehmens ziehen und vor allem Prozesse näher aneinanderrücken. So können beispielsweise Kundenwünsche direkt(er) in den Produktionsvorgang einfließen.

Digitalisierung und Automatisierung: Chance oder Risiko?

Was mit dieser allgemeinen Definition noch nicht angesprochen wurde, ist die Tatsache, dass immer intelligentere Maschinen auch immer mehr Aufgaben selbstständig bewältigen können. Der Wegfall von Arbeitsstellen für Menschen ist ein Punkt, der daran am häufigsten kritisiert wird. Diesem Risiko werden wir demnach auch ein eigenes Kapitel widmen. Andererseits ergeben sich durch die „vierte industrielle Revolution“inatürlich auch Chancen, vor allem (aber nicht nur) für die Unternehmen.

Es wird beispielsweise leichter die Produkt- und Servicepalette zu erweitern bzw. den Kundenbedürfnissen besser anzupassen. Studien zufolge wird es außerdem möglich sein, Schnelligkeit, Flexibilität und Produktivität um bis zu 40% zu steigernii. Das machen Daten möglich, die nicht mehr gesammelt, berechnet und ausgewertet werden, wobei zwischen ihrer Entstehung und dem Endergebnis viel Zeit verstreichen kann.

In der Industrie 4.0 werden Daten in Echtzeit bereitgestellt, die sofort zur Optimierung bestimmter Knotenpunkte im Prozess zu Rate gezogen werden können. Das wird soweit gehen, dass die Maschinen die Daten einfach selbst auswerten und sich danach richten.

Das bringt auch im Bereich der menschlichen Arbeitskraft diverse Chancen mit sich. Die Gestaltung der Arbeit kann sich an den Menschen und die jeweilige Lebenssituation anpassen, die Möglichkeiten des „Job-Enrichment“ und „-Enlargement“werden durch immer aktuelles Trainingsmaterial ausgebaut, neue Karrieremodelle können erstellt werden, somit die Diversität unter den Beschäftigten gesteigert und der Fachkräftemangel bekämpft werden. Zu guter Letzt verspricht man sich durch die Flexibilisierung der Arbeitsorganisation auch eine bessere Lebensqualität.iii

Weniger Arbeitsplätze durch Industrie 4.0?

Hinter jeder Automatisierungsmaßnahme steht die Vision der menschenleeren Fabrik. Produktion wird allein von Maschinenhand erledigt und der Mensch muss sich nicht mehr mit der harten, körperlich anstrengenden und einsilbigen Fabrikarbeit herumschlagen. Das klingt an sich doch erstrebenswert, wäre da nicht die Tatsache, dass die Arbeitsstelle für viele ihre Existenzgrundlage bildet. Keine Arbeit – keine Existenz, weder finanziell noch was die Identität und den sozialen Status betrifft.

Die Prognose der Massenarbeitslosigkeit hängt wie ein Damoklesschwert über der Industrie 4.0. Dagegen stellt sich die Hypothese, dass durch die Digitalisierung und Automatisierung auch Arbeitsstellen entstehen werden. Ob sich das zahlenmäßig ausgleichen wird, weiß niemand so genau. Fakt ist, dass es viele Arbeitsfelder in Zukunft nicht mehr bzw. nicht mehr in dem Ausmaß geben wird, genauso wie es früher auch mehr Schneider und Schuster in Europa gab, um nur ein Beispiel zu nennen.

„Aussterbende“ Berufe und Umschichtung der Beschäftigung

Stellt sich die Frage, welche Domänen betroffen sein werden und gen welche Tätigkeiten sich diese Arbeitskraft bewegen wird. Sich wiederholende Tätigkeiten in routinemäßigem, berechenbarem Umfeld können in der Regel auch von Maschinen und Algorithmen ausgeführt werden. Sobald zu viele Variablen und unberechenbare Komponenten hinzukommen, braucht es Lösungen, die die Kreativität und Intelligenz von Maschinen potentiell übersteigen.

Welche Berufe das genau betreffen wird bzw. kann, ist oft im Einzelfall nicht so einfach zu sagen. Laut der Soziologin Sabine Pfeiffer werden manche vermeintlichen Routinetätigkeiten unterschätzt. Facharbeiter unterschiedlichster Sparten sind oft unersetzbarer als man denkt, sofern ihrer Tätigkeit Handlungsspielräume und die Freiheit, innovativ und kreativ zu arbeiten und zu handeln, gelassen werden.

Potentiell betroffene Tätigkeitsfelder sind die folgenden:

  • Fertigung und Produktion
  • Einfache Büroarbeiten, Verwaltung
  • Verkauf und Beratung
  • Logistik
  • Finanzen

 

Wenn immer mehr Arbeiten maschinell und digital abgewickelt werden, kann es leicht dazu kommen, dass eine gewisse Persönlichkeit und Charakter verloren gehen. Ähnlich dem Unterschied zwischen Kleidung „von der Stange“ und handgefertigter Ware, kommt die Kreativität und Einzigartigkeit im Alltag, in der gewöhnlichen Produktion ins Hintertreffen. Werden Dinge wie Kreativität, Handwerk, Natürlichkeit und Ästhetik seltener, führt das womöglich dazu, dass diese Bereiche wieder aufgewertet werden.

Ähnlich sieht es auch bei der Berufsstruktur aus. Im Gegensatz zu den nummerisierten, quantifizierbaren Prozessen wird es vermehrt Tätigkeitsfelder geben, die das geistige, empathische und kreative in den Vordergrund stellen. Die Digitalisierung wird Datenberge und nicht nur vertretbare und ethische Möglichkeiten und Werkzeuge zur Verfügung stellen. Unternehmensphilosophen und -ethiker werden sich darüber Gedanken machen, wie man mit den Veränderungen umzugehen hat, um moralisch und ethisch zu handeln.

Studie der University of Oxford: Zukunft der Arbeit

In Bezug auf Industrie 4.0 und die Zukunft der Arbeit hat sich eine Studie besonders hervorgetan. „The Future of Employment: How susceptible are jobs to computerisation?” von Carl Benedikt Frey und Michael A. Osborne von der University of Oxfordihaben untersucht, welche Jobs in welchem Ausmaß von der Computerisierung betroffen sein werden.

Ihren Berechnungen und Prognosen zufolge sind etwa 47% aller Arbeitsstellen (in den USA) stärker gefährdet, ersetzt zu werden, als der Rest der Stellen. Davon werden vor allem einkommensschwache und niederqualifizierte Arbeitsstellen betroffen sein. Betroffen sind laut dieser Studie vor allem Sparten, wie „Transportation and Material Moving“, „Production“, „Office and Administrative Support“, „Sales and Related“ und „Service“.

Precht: „neue Spielregeln für eine andere Gesellschaft“

Nicht nur Ökonomen und IT-Techniker machen sich über das Thema Industrie 4.0 Gedanken. Der Philosoph und Publizist Richard David Precht äußert sich regelmäßig und mit viel Resonanz dazu, was diese Entwicklung gesellschaftlich bedeuten wird, kann und sollte. Er stellt die Frage, ob es überhaupt so gut ist, alle Bereiche zu automatisieren, oder ob es nicht zum Teil zum Verlust von Freiheit, Intelligenz und Aktivität führt.

Dadurch, dass die Gesellschaft dabei ist, sich umzukrempeln, sind neue Spielregeln notwendig. Junge Menschen und damit die „Akteure 4.0“, wenn man so will, der Industrie brauchen ein Ausbildungssystem, dass nicht nur kognitive Fähigkeiten fördert und vor allem individuelle Stärken fördert und nicht Arbeiter produziert, die alle das Gleiche aber davon eher wenig und nichts anderes Dienst nach Vorschrifterledigen können.

Außerdem muss dem Problem entgegengetreten werden, dass Menschen durch die Digitalisierung ihre Einkommensgrundlage verlieren. Nicht nur das Bildungs- sondern auch das Sozialsystem muss also grundlegend überdacht werden, um die Wertschöpfung, die durch die Digitalisierung entsteht, nicht nur bei einigen wenigen ankommen zu lassen.

Arbeitsmarkt und Arbeit 4.0

Wenn auch vieles noch in den Sternen steht, eine Richtung scheint in der Entwicklung bereits vorgegeben: die Berufsfelder werden sich verändern und verschieben, Berufe werden wegfallen, andere entstehen und bestehende Berufe werden sich verändern. Damit wandeln sich auch die Anforderungen und Möglichkeiten, die die neuen Beschäftigungsverhältnisse bieten.

Vielbeschworen ist die Flexibilisierung der Arbeitswelt, sowohl was Ort, Zeit, als auch Tätigkeiten betrifft. Womöglich häufen sich in Zukunft Einkommensstellen, die auf den Ablauf eines bestimmten Projekts begrenzt sind. Nach Beendigung wird man weitervermittelt oder entwickelt selbst die nächste Beschäftigung. Grundsätzlich wird es womöglich die verschiedensten Beschäftigungsverhältnisse geben, die sich variabel an die Lebensrealität der Beschäftigten anpassen lassen.

Zu guter Letzt scheint uns wichtig zu erwähnen, dass wir uns zwar in der vierten industriellen Revolution befinden mögen, dass es aber eben bereits die vierte ist und es Veränderungen dieses Ausmaßes schon immer gegeben hat. Das Ziel wird sein, die enormen Chancen, die diese Entwicklung verspricht, zugunsten möglichst vieler Menschen einzusetzen.

i Roth, A. (2016). Industrie 4.0 – Hype oder Revolution? In: Roth, A. (Hrsg.). Einführung und Umsetzung von Industrie 4.0. Berlin, Heidelberg: Springer.
ii Ebd.
iii Siepmann, D. et al. (2016). Industrie 4.0 – Struktur und Historie. In: Roth, A. (Hrsg.). Einführung und Umsetzung von Industrie 4.0. Berlin, Heidelberg: Springer.
iv Botthof, A. (2015). Zukunft der Arbeit im Kontext von Autonomik und Industrie 4.0. In: Botthof, A.; Hartmann, E. A. (Hrsg.).
Zukunft der Arbeit in Industrie 4.0. Berlin, Heidelberg: Springer. Zugriff unter: https://link.springer.com/content/pdf/10.1007%2F978-3-662-45915-7.pdf, letzter Zugriff am: 15.11.2018.
v Roth, A. (2016). Industrie 4.0 – Hype oder Revolution? In: Roth, A. (Hrsg.). Einführung und Umsetzung von Industrie 4.0. Berlin, Heidelberg: Springer.
vi Ebd.
vii Frey, C. B.; Osborne, M. A. (2013). The Future of Employment: How susceptible are jobs to computerisation? Oxford. Zugriff unter: https://www.oxfordmartin.ox.ac.uk/publications/view/1314, letzter Zugriff am: 15.11.2018.

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen